Badische Zeitung 2015

Hanna, die reiche und starke Frau

Lehárs“Lustige Witwe“ war in Schuttertal ein musikalischer Hit.

Die Trachtenkapelle Schuttertal spielte am Zweiten Weihnachtsfeiertag vor vollem Haus Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“. Die Vorstellung bot viel Stoff zum Lachen für ein breites Publikum und begeisterte mit ihren Libretti (von Victor Leon und Leon Stein).

Wer an Weihnachten den Tannenbaum vor den Fernseher stellt, der gewinnt noch mehr echte Glücks- und Weihnachtsgefühle, wenn er die alljährliche Operettenaufführung im Schuttertal besucht. Es ist etwas anderes, wenn das Publikum um einen herum lacht, statt aus dem Fernsehlautsprecher. Man leidet, wenn ein Sänger wirklich einen Ton einmal nicht trifft, und das Herz lacht, wenn sich ein Liebespärchen umarmt und der eigene Sitznachbar schluchzt. Denn alle sitzen ja im gleichen Raum.

Im Programmheft der „lustigen Witwe“ werden 69 Mitwirkende aufgezählt. Doch das reicht bei weitem nicht: Bühnenbild, Kostüme, Orchester, Schauspieler. Wer so ein Stück in einer Gemeinde mit knapp 3 200 Einwohnern plant, der muss viele Helfer in der Hinterhand haben. Deshalb zeigte die Operette vor allem eines: Schuttertal ist größer als es aussieht. Denn außer den Darstellern braucht es auch noch zahlreiches Publikum.

Die Sprengkraft des Stücks entfaltet sich in Hanna (Isabelle Himmelsbach), einer Witwe bestückt mit einem pontevidrinischen 20 Millionenerbe, das wieder ins Land einheiraten muss. Dazu ein Fächer mit der Aufschrift „ich liebe dich“, ihrer Jugendliebe Graf Danilo (Dominik Schätzle), zu vielen Freiern und einem Diplomatenchor in Paris, der seine Liebschaften nicht sortiert bekommt.

Locker, ehrlich, fehlerbehaftet, bodenständig – im Schuttertal wirkte das Stück, als wäre es den Schauspielern auf den Leib geschnitten. Die Umsetzung war grandios, das Bühnenbild ein echter Hingucker und belegte: Nirgends anders als in einer Turn- und Festhalle sollte solch ein Stück gespielt werden. Auch wenn man sich über die kleine Bühne ärgern konnte. Doch erst diese herausfordernde Kompaktheit der Bühne, die schnell alles unübersichtlich werden lässt, zeigte die hohe Qualität der Laienspielgruppe.

Die Choreografie war sehr gut organisiert, dank Intendant Dominik Schätzle. Man merkte aber auch: Die Operette braucht die Nähe zum Publikum. Das beflügelt die Lacher und die Schauspieler. Wo, wenn nicht in einem 3 000 Seelendorf, lacht es sich besser über die Pariser Bourgeoisie und Städter im Allgemeinen? Direkt auf den Leib gespielt war den Schauspielern auch die Musik. Nur zehn erstklassige Blasmusiker brauchte es, um den Gast vergessen zu lassen, dass er in Schuttertal und nicht in einem kleinen Stadttheater sitzt. Es war allererste Sahne, was die Musiker während der mehr als dreistündigen Vorstellung darboten. Da konnte der Musikverein aus den Vollen schöpfen.

Mit Lehar und seiner lustigen Witwe auf Erfolgskurs

Aber all das Lob genügt sich selbst, wenn man sieht, dass die bunte Truppe viermal auftreten muss und jeweils knapp dreieinhalb Stunden (mit zwei Pausen) spielt. Das geht den Musikern vor allem auf den Ansatz. „Die lustige Witwe“ war eine gute  Wahl. Sie ist die erfolgreichste Operette der zwölf, die Franz Lehár im ausgehenden 19. Jahrhundert geschrieben hat.

Die Libretti, die Victor Leon und Leon Stein dem  hinzufügten, sind sprachlich meisterhaft, inhaltlich lustig und frech. Der Gesang wird  im Stück zum gut verständlichen erzählenden Mittel. Angenehm dabei ist noch, dass  die Handlung in Lustspielen überschaubar ist und jeder den Gesang versteht. Bei Opern hingegen ist der Gesang meist nur leidlich zu verstehen. Die Operette bietet all das in Landessprache, also deutsch – ist kurzweilig, lustig und unterhaltsam zugleich – eben ein Schauspiel, dem so ziemlich jeder etwas abgewinnen kann.

Deshalb sollte sich jeder, der gern lacht schon wieder Karten für das kommende Jahr besorgen oder auf eine der wenigen freien Karten an der Abendkasse in diesem Jahr hoffen.